Geschichte Familienschule
Auf Grund dieser positiven Erfahrungen mit dem Lernen und Leben in gewachsenen sozialen Zusammenhängen gründeten Eltern 2002 in Ostvorpommern die "Familienschule". Der Name steht für die positiven Werte von Familie, wie Geborgenheit, zuverlässiger Bindung, eigener und gegenseitiger Verantwortlichkeit. Auch der Gedanke an die Menschheitsfamilie ist einbezogen.
Schule steht hier in seiner ursprünglichen Bedeutung (griechisch: schol´e – Muße) für eine Zeit, die das Sammeln von Wissen und seine Anwendung in Fertigkeiten in einer Atmosphäre des ruhigen Forschens ermöglicht. Schule bedeutet hier der Raum, der dadurch entsteht, dass Menschen jeden Alters gemeinsam lernen ihr Herz zu bilden und Einsicht zu gewinnen in das Leben als Ganzes.” Quelle: "Lernen heißt Leben"2010, Dokumentation zur Temenos Lerngruppe von Anke Caspar-Jürgens.
Wie Familienschule sich konkret gestaltet ist bedingt durch die jeweilige Situation und die Bedürfnisse der Menschen, die sich zur Familienschule verbinden. Einige Grundsätze und Kriterie jedoch sind für "Familienschule" bindend:
Unter Zwang ist kreatives, sinnhaftes, selbstverantwortliches und nachhaltiges Lernen erwiesenermaßen nicht möglich. Soweit diese Qualitäten beim Lernenden schon entwickelt waren, können sie durch Zwangsmaßnahmen offensichtlicher oder verdeckter Art wieder zerstört werden.
Daher ist die Freiwilligkeit des Lernens oberster Grundsatz von Familienschule.
Woran sich das Modell der Familienschule orientiert
Hier kurz die wichtigsten Punkte, an denen sich das Modell der Familienschule orientiert
° Der Grundgedanke ist, dass sich Familien zu einer Lerngemeinschaft zusammenfinden und einen qualifizierten Menschen als BegleiterIn der Kinder findet. Das Lernen ist eingebunden in den natürlichen Fluss des Lebens. Eltern, Kinder, LernbegleiterInnen und weitere Partner entscheiden gemeinsam über die Inhalte und die Art des Lernens.
° Eine „Lernstube“ dient als Rückzugsort und Materialdepot. Sie wird ergänzt und bereichert durch die elterlichen Wohnungen oder wohin sonst der Wissensdurst der Kinder strebt.
° Wenn Kinder ihrem eigenen Lernweg folgen, decken ihre Interessen im Allgemeinen die Inhalte der Richtlinien ab.
° In Lerngesprächen mit der BegleiterIn klären sie ihre Ziele und setzen sich mit ihrer Art zu lernen und ihrem Leben in der Gemeinschaft auseinander.
° In einem Arbeitsbuch dokumentiert die LernbegleiterIn diese Gespräche, den Lernprozess und den je aktuellen Lernstand der Kinder als Nachweis über ihre Entwicklung im emotionalen, sozialen und intellektuellen Bereich.
° Wenn Kinder von Familienschulen als Externe eine öffentliche Prüfung ablegen möchten oder in eine traditionelle Schule wechseln möchten, sorgen die Begleiterinnen dafür, dass die Kinder den dafür erforderlichen Kenntnisstand erwerben können.
° Familienschule ist über den aktuellen Bedarf der Gründerfamilien hinaus als Dauereinrichtung konzipiert. Ihre Infrastruktur, ihr Know-how, ihre Materialien und sonstige Ressourcen stehen nachwachsenden Generationen und deren Familien zur Verfügung.
° Mit ihrer offenen und auf nachbarschaftliche Zusammenarbeit angelegten Struktur ermöglicht Familienschule dem Kind einen seiner Wirklichkeit entsprechenden und damit qualifizierten Wissenserwerb und die Entfaltung von realer sozialer Selbst- und Mitverantwortung. Familienschule ist damit zugleich potenziell ein Kristallisationsort für das Entstehen stabiler sozialer Vernetzungen.
° Zur Unterstützung der Familienschule können die Angebote des Bundesverbandes für Fortbildungen von Eltern und LernbegleiterInnen genutzt werden. Ebenso die Bildungsbörse (Internet, Rundbriefe usw.) für die Vermittlung und den Austausch von Fachkompetenzen, Materialien und Lernorten.
° Für den kontinuierlichen Austausch zwischen den Familienschulen nutzen sie das Forum des BVNL im Internet (im Aufbau)
Manifest zum Beziehungsnetz der Familienschule
Das gemeinsame Einverständnis des Familienverbundes über die Art ihres Zusammenlebens formulierte Johannes Heimrath im Zusammenhang der Schulverweigerung seines Familienmitgliedes Tilmann Holsten,1987 in den folgenden elf Punkten. Sie dienten dem freisprechenden Richter schließlich als Aufhänger für seine Urteilsbegründung (siehe unter Recht / Urteile )
Sie gelten hier für das gesamte Beziehungsnetz der Familienschule:
1. Gegenseitiger liebevoller Respekt von Erwachsenen und Kindern, d.h. Kinder wie
Erwachsene sind gleichwertige Partner, die sich annehmen und voneinander lernen, es gibt keine frontale Hierarchie.
2. Gegenseitige Achtung und Beachtung von Bedürfnissen und persönlichen Gegebenheiten, d.h. Kinder wie Erwachsene versuchen, in größtmöglicher Aufmerksamkeit die individuellen Wünsche zum Konsens zu führen.
3. Gegenseitige Hilfe, d.h. Kinder wie Erwachsene helfen sich gegenseitig in Konfliktsituationen und persönlichen Schwierigkeiten, ohne dabei Macht über den Hilfsbedürftigen zu gewinnen.
4. Verständnis für den Langsameren, den Schwächeren, der je nach Bereich ein anderer ist.
5. Keine Konkurrenz, kein Ringen um den besten Platz, sondern lebendiger, gemeinsamer Eifer aller, das jeweils mögliche Beste zu geben.
6. Verständnis für die Andersartigkeit des Gegenübers, d.h. der andere wird nicht angetastet, um ihn nach einem bestimmten Schema einseitig zu verändern.
7. Suche nach der inneren Bestimmung eines jeden Einzelnen, d.h. die erste Bemühung gilt der Erkenntnis seiner selbst. Aus der Missachtung dieser Tugend erwächst Irrtum, Missverständnis und Hochmut.
8. Kein Zwang, d, h, Kinder wie Erwachsene leben in der Gemeinschaft mit wachen Augen und sehen und erleben selbst, was für ein geschmeidiges Funktionieren der Gemeinschaft vonnöten ist. Daraus erwächst eine natürliche Disziplin und Ordnung.
9. Freiwillige Verantwortung, d.h. Kinder wie Erwachsene übernehmen freiwillig Verantwortung für Lebensbereiche, die ihnen jeweils angemessen sind.
10. Bedingungsloser Schutz der unantastbaren Würde jedes Mitglieds der menschlichen Gemeinschaft.
11. Ständiger Versuch, jedem Mitglied der Gemeinschaft die freie Entfaltung seines Wesens und seiner Persönlichkeit zu ermöglichen, eingeschränkt allein durch dessen Verantwortung jeweils dem anderen Partner gegenüber.
Was unterscheidet Familienschule von ` Schule´?
2.Was ist das Einzigartige, was Familienschule von ` Schule´ unterscheidet?
Familienschule ist ein Lernort, der mit herkömmlicher Schule wenig gemeinsam hat. Kinder und Eltern einer näheren (in der Stadt) oder weiteren (auf dem Land) Nachbarschaft finden als Freunde mit einer kompetenten Begleitperson zusammen und bilden eine Lerngruppe. Die Gruppe versorgt nicht nur die Kinder mit dem begehrten Wissen und fördert sie bei der Ausbildung ihrer Fähigkeiten. Auch die Erwachsenen bringen sich als Lernende in den sozialen Prozess des gemeinsamen Wachsens ein und erweitern so ihren Lebenszusammenhang. Die Lerngruppe wandert von Haus zu Haus, lebt hier im großen Wohnzimmer, dort im Sommerzelt im Garten, dann besucht man ein paar Tage lang den alten Schreiner im Dorf, lebt und lernt einen Monat in der Natur, surft im Büro der Computerfirma im Internet, und wenn mal Materialien gebraucht werden, die der große Lerngruppenkoffer nicht hergibt, dann stöbert man im Magazin der Familienschule, wo sich Bücher, Werkzeuge, Experimentierkästen, Landkarten, Rechenspiele, eben all die Dinge finden, die von den Beteiligten als hilfreich oder wichtig gesammelt wurden.
Das Besondere der Familienschule liegt weniger in der Art, wie hier Unterricht, Lernen und Lehren verstanden wird. Es ist nicht das offene „Konzept“ oder die auf dem natürlichen Lernen fußende Anschauung von „Leistung“, die diesen neuen Schultyp so faszinierend macht – viele freiere Schulen nehmen für sich Ähnliches in Anspruch. Es ist die gemeinschaftsbildende Komponente, die zum Nährboden einer Restaurierung der Beziehung zwischen Jung und Alt in Verbindung mit einem vertieften Verständnis von Nachbarschaft werden kann. Aus der konvergenten Bemühung, einander beim Wachsen zu helfen, kann die Kraft entspringen, das Gesicht unserer Gesellschaft zu wandeln. Der Familienbegriff erweitert sich von der Bluts- zur Wahlverwandtschaft, und dort gilt ein Maß an Verbindlichkeit, das die traditionelle Familie nur noch selten kennt.
Schreiben an den Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern von Ende Januar 2005
Simone Schaefer
Lieber Herr Professor Metelmann,
seit unserem Treffen anlässlich der Veranstaltung der Regionalschule in Lassan ist nun einige Zeit vergangen. – Wir hoffen, daß es für Sie eine gute Zeit war, und wünschen uns, dass wir mit dem beginnenden Jahr einen guten Impuls aufnehmen können, um mit Ihnen über unsere Vorstellung zu einem neuen Lernweg für Kinder und ihre Familien zu sprechen.Im Lauf unseres kurzen Gespräches seinerzeit informierten wir Sie über unser Vorhaben, für die hiesige Region eine Familienschule zu entwickeln. Dabei sagten Sie uns freundlicherweise Ihre Unterstützung zu. Wir hatten ursprünglich vor, Ihnen den Entwurf eines Konzepts zuzusenden, auf Grund dessen wir miteinander ins Gespräch kommen wollten. Aus inzwischen gewonnener Sicht halten wir es aber für besser, Ihnen zunächst die Grundidee der Familienschule vorzustellen, bevor wir zu sehr ins Detail gehen, denn im Fall der Familienschule handelt es sich nicht einfach um einen Antrag auf Genehmigung einer weiteren Schule in freier Trägerschaft, sondern um einen neuen, bisher nur einmal in Bayern über einen vierjährigen Zeitraum in privater Initiative erprobten Bildungsweg.
Weiterlesen: Schreiben an Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern 2005
Lernen, für ein besseres Über-Leben?
Schulische Bildung – Lernen im Bildungsnetz.
Anke Caspar-Jürgens, 2009
Das Klagen über die Bildung der jungen Menschen in Deutschland ist groß. Ihr Wissen sei unzulänglich und das soziale Klima in den allermeisten Schulen selbst für die LehrerInnen
häufig gesundheitsschädlich.
Wer bestimmt über Schule? Über das Wie, das Was und das Wo des Lernens? Die Entscheidungsgewalt hat der Staat. Eltern in Deutschland haben letztlich keine Wahl, sie müssen sich, unter Androhung von Gefängnis und Kindesentzug, beugen und ihre Kinder dazu bringen, dass auch diese sich fügen. Inhaltlich sollen die Erwartungen der Wirtschaft erfüllt werden. Das hat eine noch immer anschwellende Flut von Richtlinien, Evaluationen und Prüfungen zur Folge. Der Druck auf die jungen Menschen äußert sich im beängstigend steigenden Konsum von Psychopharmaka und in Schulverweigerung bis hin zu zerstörerischen Feindseligkeiten der Kinder gegen sich selbst oder gegen Andere. Vierzig Kinder täglich machen einen Selbstmordversuch und täglich endet ein weiterer tödlich.
Da stellt sich die Frage:
Entscheidet die Art und Weise, wie wir lernen, über die Qualität unseres Lebens? Gilt ebenso, dass die Art wie wir leben zugleich auch unser Lernen beschreibt?
Wenn das so ist, ist zu fragen: Wie wollen wir leben? Und: Welche Wirkung hat die Art und Weise unseres Lebens und Lernens auf die menschliche Gemeinschaft?



